Heilpraktiker für Psychotherapie: Ein Titel zwischen Abschaffung und Aufwertung

Bericht von der AGHPT-Mitgliederversammlung im April 2026

In der gesundheitspolitischen Landschaft herrscht derzeit eine paradoxe Stimmung: Während Forderungen nach einer Abschaffung des Heilpraktikerberufs – oft getrieben durch mediale Kampagnen oder Interessenverbände der Ärzteschaft – immer wieder laut werden, zeichnet die Realität der Versorgung ein ganz anderes Bild. Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der AGHPT Ende April 2026 wurde mit einem Bericht von Birgit Fiedler deutlich: Der in der Öffentlichkeit oft unerwähnte Sektor der Heilpraktiker für Psychotherapie gewinnt an Bedeutung, schließt Versorgungslücken und steht vor einer möglichen professionellen Neupositionierung.

Die Faktenlage: Mythen vs. Realität

Lange Zeit war die Datenlage über die Arbeit der Heilpraktiker (für Psychotherapie) und deren Zulassung über die örtlichen Gesundheitsämter dünn, was Raum für Vorurteile bot. Dies hat sich durch das im November 2025 veröffentlichte empirische Gutachten des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) grundlegend geändert. Birgit Fiedler berichtete in ihrem Beitrag desweitern von den Aktivitäten des Bund für HP, der Gesamtkonferenz Deutscher Heilpraktikerverbände und Fachgesellschaften (GDHP), die dieses, wie das vorangegangene Rechtsgutachten, eng begleitet hat.

Die Ergebnisse sind ein Meilenstein für die Lobbyarbeit:

  • Systemrelevanz: Mit ca. 33.000 tätigen Heilpraktikern für Psychotherapie stellt diese Gruppe eine ebenso große Säule da, wie die der approbierten KollegInnen, mit deren Krankenkassenleistung.
  • Qualifikation: Über die Hälfte der HP Psych. verfügt über einen Hochschulabschluss, 64 % haben Abitur. Das Engagement für kontinuierliche Weiterbildung ist überdurchschnittlich hoch.
  • Sicherheit: Entgegen öffentlicher Diffamierungen zeigt die Statistik, dass die Grenzen des eigenen Handelns sehr genau gekannt werden. In all den Jahren kam es zu keiner Verurteilung, die ein Berufsverbot zur Folge gehabt hätte. Was zeigt, dass die Patientensicherheit nicht gefährdet ist, wie oftmals behauptet.

Politisches Gehör: Das parlamentarische Frühstück

Diese „gute Faktenlage“ zeigt Wirkung in Berlin. Am 26. April 2026 lud Simone Borchardt, die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zu einem parlamentarischen Frühstück ein. Der Austausch mit dem Vorstand der GDHP verdeutlichte den Politikern den immensen Wert der HeilpraktikerInnen für das System: Sie bieten schnelle Hilfe ohne lange Wartezeiten, arbeiten präventiv und kompetent mit der Zeit ihrer Klienten und entlasten die Sozialkassen, da sie überwiegend auf Selbstzahlerbasis tätig sind.

Dies ist ein deutliches Zeichen für eine  neue politische, wie öffentliche Aufmerksamkeit, weg von der Ignoranz der Jahrzehnte zuvor, hin zu einer Anerkennung als tragender Teil der ambulanten Versorgung. Auch auf lokaler Ebene werden bereits erste Gespräche mit SPD- und Grünen-Abgeordneten geführt, um das Feld nicht populistisch agierenden Kräften zu überlassen.

Die Rolle der AGHPT: Stärkung und Vernetzung

Für die AGHPT ist dieser Bereich von zentraler Bedeutung. Viele unserer Mitglieder nutzen die heilkundliche Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz seit 1993, um rechtssicher, humanistisch orientiert und umsatzsteuerbefreit zu arbeiten.

Wenngleich dieser Status bei vielen von uns ein ambivalentes Gefühl hinterlässt und auch intern diese Unterschiedlichkeit „sich reibt“?

Vor diesem Hintergrund wurde auf der Mitgliederversammlung die Arbeitsgruppe „Heilpraktiker für Psychotherapie“ gegründet. Sie versteht sich als Forum für Austausch, Vernetzung und strategische Positionierung innerhalb der AGHPT. Ihr Ziel ist es, die Bedeutung dieses Berufsfeldes für die Humanistische Psychotherapie zu beleuchten, Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und Perspektiven für die Zukunft zu erarbeiten.

Die Arbeitsgruppe wird sich insbesondere mit folgenden Themen befassen:

  1. Berufspolitische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Humanistische Psychotherapeut*innen.
  2. Die Rolle des Heilpraktikers für Psychotherapie in der Versorgung und seine Bedeutung für die Zukunft humanistischer Verfahren.
  3. Ausbildungswege, Qualifikationsstandards und Curricula.
  4. Kooperationen und Vernetzung mit anderen Akteuren des Berufsfeldes.

Die Arbeitsgruppe wird derzeit von Birgit Fiedler, Sabine Rößer, Dorothea Bünemann und Elisabeth Kohrt getragen. Interessierte Mitglieder sind herzlich eingeladen, sich einzubringen und die zukünftige Ausrichtung dieses wichtigen Arbeitsfeldes mitzugestalten. Je mehr Perspektiven und Erfahrungen zusammenkommen, desto stärker kann die Stimme der Humanistischen Psychotherapie in den aktuellen gesundheitspolitischen Diskussionen wahrgenommen werden.

Darüber hinaus wird angestrebt, dass die AGHPT Mitglied der GDHP wird. Damit schließen wir uns einer starken Gemeinschaft von über 40 Fachverbänden an, die gemeinsam an der Weiterentwicklung und Professionalisierung des Berufsbildes arbeiten.

Zugleich wollen wir der pauschalen Gleichsetzung des Heilpraktikerberufs mit „unwissenschaftlichen Methoden“ entgegentreten. Viele unserer Mitglieder verfügen über hohe fachliche Qualifikationen und arbeiten auf Grundlage anerkannter humanistischer Verfahren sowie häufig nach den Standards des European Certificate of Psychotherapy (ECP). Diese Professionalität verdient öffentliche Sichtbarkeit und Anerkennung.

Fazit

Der Heilpraktiker für Psychotherapie ist kein Auslaufmodell, sondern ein unverzichtbarer Akteur in einem Gesundheitssystem, das den Bedarf (akut insbesondere bei Kindern und Jugendlichen) allein nicht decken kann. 

Für die AGHPT stellt sich daher nicht die Frage, ob wir uns mit diesem Berufsfeld befassen, sondern wie wir dessen Zukunft im Sinne einer humanistischen, qualitätsgesicherten und gesellschaftlich verantwortlichen Psychotherapie mitgestalten wollen. Die neu gegründete Arbeitsgruppe bietet dafür einen Rahmen.

Alle Mitglieder, die ihre Erfahrungen, Fragen oder Ideen einbringen möchten, sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Die aktuellen Entwicklungen zeigen: Jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt, um die Interessen Humanistischer Psychotherapeut*innen sichtbar zu machen, berufspolitisch Einfluss zu nehmen und die Zukunft unseres Berufsfeldes aktiv mitzugestalten.

Weiterführende Informationen und Quellen:

  • Stellungnahme der GDHP zum BMG-Gutachten

https://www.gesamtkonferenz-heilpraktiker.de/empirisches-bmg-gutachten-heilpraktiker-fester-bestandteil-ambulanten-gesundheitsversorgung/

  • Hintergründe und Analysen im VFP-Magazin „Freie Psychotherapie“

https://www.vfp.de/magazine/freie-psychotherapie/alle-ausgaben/heft-01-2026/gutachten-des-bmg-raeumt-mit-vorurteilen-gegen-heilpraktiker-auf

Bericht von Brigit Fiedler, überarbeitet von der Redaktion unter digitaler Mithilfe von ChatGPT.