Humanistische Psychotherapie in Österreich: Ein Blick über die Grenze

Ein Bericht von Roland Raible

Dass die Humanistische Psychotherapie in Österreich offiziell als eines von vier Clustern im Psychotherapiegesetz verankert ist, lässt uns in Deutschland aufhorchen. Im Zuge der Gesetzesreform schließen sich dort bislang eigenständige Ausbildungsvereine enger zusammen – mit weitreichenden Folgen für Berufspolitik, Dachverbandsstrukturen und die universitäre Verankerung. Seit dem ersten Impuls hierzu im April 2025 mit rund 200 Vertreter*innen aus den humanistischen Therapieverbänden wurde auf acht Themenfeldern nachgedacht, diskutiert, entwickelt, verhandelt.

Die AGHPT ist als Gast in zwei Arbeitsgruppen vertreten und begleitet die Diskussionen zur Gründung eines Dachverbandes ebenso wie die Entwicklung eines neuen Mastercurriculums. Welche fachlichen, strukturellen und politischen Fragen werden derzeit verhandelt? Und was können wir in Deutschland daraus lernen?

Ein Bericht aus zwei spannenden Arbeitsfeldern – zwischen Profilbildung, Hochschulpolitik und der Zukunft humanistischer Ausbildung.

Dass in Österreich die Humanistische Psychotherapie explizit als eines von vier „Clustern“ (= Grundorientierungen) aufgeführt wird, lässt uns in Deutschland ungläubig staunen. Die Reform der Ausbildung machte erforderlich, dass sich die bis dato unabhängig voneinander arbeitenden Ausbildungsvereine der HPT zusammenschließen. Auf der dazu einberufenen Fachtagung waren acht Arbeitsgruppen eingerichtet worden. Der Themenbogen spannt sich von grundlegenden Aspekten wie „Grundbegriffe und Menschenbild“ bis zu Fragen der Ausbildung im universitären Masterstudium. Die AGHPT ist  als Gast in zwei Arbeitsgruppe vertreten: „Berufspolitik und Dachverband“ und „Universität und Mastercurriculum“. Was tut sich dort?

„Berufspolitik und Dachverband“

Ein erstes Positionspapier für die Gründung eines Dachverbandes von 16 Fachgesellschaften wurde erstellt. 16, weil die HPT in Österreich eine stärkere Differenzierung aufweist als wir das in Deutschland mit sieben Mitgliedsverbänden in der AGHPT gewohnt sind. Sie lassen sich folgenden methodischen Ausrichtungen zuordnen:

  • Personzentrierte Psychotherapie
  • Integrative Gestalttherapie
  • Gestalttheoretische Psychotherapie
  • Logotherapie und Existenzanalyse
  • Integrative Therapie
  • Psychodrama

Diese Liste unterscheidet sich etwas von der Mitgliederliste in der AGHPT. Es fällt besonders auf, dass Körperpsychotherapie und die Transaktionsanalyse fehlen. Körperpsychotherapie wird in Österreich nicht als eigenes Therapieverfahren aufgeführt. Transaktionsanalyse wird dem tiefenpsychologischen Cluster zugeordnet.

Zielsetzung eines solchen Dachverbandes ist nach innen die Schaffung einer Plattform für Kooperation, Vernetzung, Forschung, Bildungsaktivitäten. Nach außen soll das humanistische Cluster sichtbarer werden und mehr Profil gewinnen, sich effektiv in der Politik vertreten und Ansprechpartner sein können für Universitäten, Gesellschaft, Fachkreise.

Diskutiert wird, wie die das Stimmrecht durch die Mitgliedsverein ausgeübt werden kann, wie die finanzielle Ausstattung aussehen muss, wie Gelder zusätzlich akquiriert werden können (etwa für Forschungsvorhaben), wie eine interne Organisation aussehen sollte und wie die Präsentation nach außen aufzubauen ist.

„Universität und Mastercurriculum“

Das österreichische Psychotherapiegesetz hat inzwischen Ähnlichkeiten zum Deutschen, weist aber auch deutliche Unterschiede auf. Die Ausbildung ist in drei Phasen gegliedert. Phase 1 ist ein Bachelorstudium. Dieses kann in sehr unterschiedlichen Fächern absolviert werden, die nicht zwangsläufig auf eine Laufbahn als Psychotherapeut*in hinführen, nicht einmal unmittelbar der Psychologie zugeordnet sein müssen. Es schließt sich ein viersemestriges Masterstudium in Psychotherapie an. Auf dieses folgt die eigentliche Qualifizierungsphase. Sie erfolgt weiterhin in Verantwortung der vom Staat anerkannten Therapievereine – 18 in humanistischer Psychotherapie, 23 in tiefenpsychologischer Therapie, fünf in Verhaltenstherapie, drei in systemischer Therapie, dazu zwei in Transaktionsanalyse, eines in neurolinguistischer Therapie (Stand Januar 2026).

Die Einrichtungen variieren in der Größe und „Einzugsgebiet“ z.T. sehr bzw. sind als lokale/regionale Gruppierungen einer gleichen Ausbildung zu betrachten. Die Zahlen geben daher nicht wieder, wie viele Personen in welcher Orientierung die Ausbildung abschließen. Einen Einblick gibt die Erfassung der einschlägigen Berufe durch „Gesundheit in Österreich“ für die Jahre 1991 bis 2023. Der zufolge verfügten 2023 ca. 45 % der registrierten Psychotherapeut*innen eine Zusatzbezeichnung in einem Verfahren der Humanistischen Psychotherapie.

Zukünftig wird der universitären Phase ein deutlich erhöhte Bedeutung zukommen. Im Zuge dieser Entwicklung sind einige Fragen zu beantworten:

  • Wie kann man der Tatsache gerecht werden, dass erst ab dem Masterstudium eine gemeinsame Ausbildung von Absolvent*innen unterschiedlicher Bachelor-Studiengänge möglich wird?  (Bachelorabsolvent*innen in Psychologie bringen z.B. eine weitreichende Kenntnis in psychologischen Fächern sowie Statistik und Methodenkenntnis mit.) Kann man bereits absolvierte Module im Masterstudium anerkennen? Kann/muss man differenzieren?
  • Wieviel Ausbildungsanteile, die die Persönlichkeitsbildung angehender Psychotherapeut*innen betreffen, können schon an der Universität erfolgen, die doch in ihrer „Philosophie“ der Vermittlung und Überprüfung von Kenntnissen ihren Auftrag sieht und weniger in praktischen Kompetenzen, geschweige denn der Persönlichkeitsbildung?
  • Kann man universitär erlangte Qualifikationen in der dritten Phase anerkennen? Wenn ja: Wie? Durch wen?
  • Welche Teile der Ausbildung der nachuniversitären, praktischen Qualifizierungsphase können durch unterschiedliche Ausbildungsinstitute über Verfahrensgrenzen hinweg gegenseitig Anerkennung finden, z.B. Anteile der Selbsterfahrung?
  • Spielt bei der Prüfung der „Äquivalenz“ eine Rolle, bei welcher Lehrperson die Anforderung erfüllt wurde?
  • Wie kann ein transparenter Qualifizierungsstandard erreicht werden, wenn verschiedene Vereine/Institute bereits heute schon mit einzelnen Universitäten eng kooperieren und an lokalen Curricula arbeiten?

Es liegt noch viel Arbeit vor den Kolleg*innen. Die Gründung eines Dachverbandes für die HPT ist schon herausfordernd genug. Die Stärkung der Repräsentanz der HPT an den Universitäten insgesamt und die Entwicklung von Studiengängen, die die Anforderungen bezüglich aller Cluster an den Universitäten vergleichbar erfüllen, wird wohl noch viel Einsatz erfordern.