Zwischen Rückblick und Aufbruch –
Jürgen Kriz im Gespräch

Lieber Jürgen,
herzlichen Dank dafür, dass Du dich zu einem Interview für den Newsletter der AGHPT bereit erklärt hast. Du bist für uns gewissermaßen die Autorität schlechthin, wenn es um die Humanistische Psychotherapie geht. Wir wollen von Dir gerne erfahren, wie Du die Jahrzehnte im Einsatz für die HPT erlebt hast und wie Du in die Zukunft schaust.

Werfen wir einen Blick zurück auf den Zeitraum, der den Psycholog*innen den rechtlichen Zugang zur Psychotherapie eröffnet hat. Wie hast Du die Zeit erlebt vor und nach Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes?

J.K.: Der Name „Psychotherapeutengesetz“ klärt schon das Anliegen: es ging ja bei diesem Gesetz von 1999 nicht allein oder primär um „die Psychotherapie“ oder gar um die „Patienten“. Sondern es ging darum, den Beruf „Psychotherapeut“ formell und administrativ in einem Gesundheitssystem zu etablieren, das von jeher von Medizinern und Pharmakologen besetzt ist und daher auch durch deren Vorstellungen strukturiert ist.
Die damit verbundenen Vor- und Nachteile für die Psychotherapeutenschaft, vor allem aber auch für das Selbstverständnis von Psychotherapie und für die Patienten wurden entsprechend intensiv im Zuge der Gesetzgebung erörtert.
Die Vorteile der formellen Teilhabe am biomedizinisch-pharmakologischen Gesundheitssystem sind klar: Gesundheitspolitische – und damit auch allgemein gesellschaftliche – Aufwertung durch eine weitgehende Gleichstellung von Ärzten und Psychotherapeuten. Dazu kommt ein klares Berufsbild mit entsprechenden akademischen Zugängen und Absicherungen von Psychotherapeuten, wenn auch finanzielle Fragen der Ausbildung weiterhin klärungsbedürftig sind.
Ebenso klar waren und sind freilich die Nachteile: Denn Psychotherapie funktioniert heilkundlich anders als die – unzweifelhaft erfolgreiche – Verabreichung von Pharmaka oder die Anwendungen der Apparatemedizin oder Beseitigung von klar abgrenzbaren Störungen und Krankheitsursachen in der Schulmedizin.
Es stand daher zu befürchten, dass gut meinende, aber kenntnisarme Funktionäre in Verwaltung und Politik das biomedizinisch-pharmakologische Verständnis von „Krankheit“ und „Heilung“ einfach dem Bereich der Psychotherapie überstülpen würden. Und dass dann diese Sichtweise zum Maßstab vieler Bewertungen und Entscheidungen genommen wird. Und dass Abweichungen davon nicht als Gelegenheit zum Diskurs oder gar zur Fortentwicklung, sondern als Bedrohung der einen Wahrheit verstanden und daher entsprechend sanktioniert werden.
Leider haben sich diese Befürchtungen bestätigt! Aus einer blühenden Landschaft unterschiedlicher psychotherapeutischer Ansätze wurde ein System, das „die Wahrheit“ in angeblich evidenzbasierten Richtlinienverfahren sieht und deutschen Patienten viele international als wirksam anerkannte Ansätze vorenthält. Das wird zwar von Einzelnen durchaus kritisiert. Aber unter dem Strich kann man feststellen, dass die früher übliche Berücksichtigung psychosozialer Faktoren durch ein über wiegend biomedizinisch-pharmakologisches Denken abgelöst wurde.
Man muss dabei auch berücksichtigen, dass in unserem Gesundheitswesen auch die Psychotherapie seit dem Jahr 2000 zu einem „Markt“ wurde. Die Aufwendungen für ambulante Psychotherapie haben sich in dieser Zeit vervielfacht: in 2025 auf 5,6 Mrd. Euro. Hätte die Humanistische Psychotherapie den gleichen sozialrechtlichen Status wie die „Richtlinienverfahren“, würde dieser „Kuchen“ anders aufgeteilt. Nur zum Vergleich: In Österreich sind – bei anderen gesetzlichen Regelungen – rund 40% der Psychotherapeuten den Ansätzen der humanistischen Psychotherapie zuzuordnen. Übertragen auf Deutschland würde das bedeuten, dass von den erwähnten 5,6 Mrd. Euro über 2 Mrd. der Humanistischen Psychotherapie (HPT) zufallen und damit den „Richtlinienverfahren“ entgehen würden. Man könnte also verstehen, wenn deren Funktionäre sich nicht gerade ins Zeug legen, um der Humanistischen Psychotherapie den gleichen Status zu ermöglichen.

NL: Kommen wir von der Politik zu Wissenschaft und Forschung. Wie hat sich aus Deiner Sicht dieser Bereich entwickelt?

J.K.: Für Wissenschaft und Forschung sind weitestgehend die Hochschulen zuständig, die dafür auch staatliche Ressourcen erhalten. Allerdings ist auch hier eine ähnliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnen: Die Strukturen werden zunehmend von ökonomischen Interessen bestimmt. Immer größere Anteile von Forschung und Lehre werden über sogenannte Drittmittel – also Mittel von außerhalb der Hochschulen – finanziert. Sogar für die Besetzung von Lehrstühlen spielt die Höhe dieser eingeworbenen Drittmittel eine wesentliche Rolle. Damit richtet sich auch die Struktur der Fächer zunehmend nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit aus. Das gilt schon länger für technische und naturwissenschaftliche Fächer, inzwischen aber auch für die Klinische Psychologie und Psychotherapie.
Auch hier ist die Rechnung einfach: Was nicht unmittelbar für die Approbation verwertbar ist, wird weitgehend nicht mehr gelehrt oder beforscht. Und daher erfahren auch die Studierenden über diese Wissensbereiche und die damit verbundenen psychotherapeutischen Kompetenzen fast nichts mehr. Dass es noch vor 2000 an den meisten Unis Lehr- und Forschungsprogramme in Humanistischer Psychotherapie gab, wissen sie nicht und sie können daher die aktuellen Defizite im Lehrprogramm gar nicht wahrnehmen. Der einst breite Bildungsauftrag der Hochschulen hat sich somit auf ein mageres ausbildungsorientiertes Standardwissen reduziert. Damit verbunden ist, dass im Psychologiestudium zwar viele Fakten und eine Standardmethodik mit Schwerpunkt auf experimentelles Vorgehen vermittelt werden. Aber Veranstaltungen in denen die wissenschaftstheoretischen Grundlagen oder zumindest die kritische Reflexion der Grenzen und Voraussetzungen der sogenannten „Fakten“ gelehrt und geübt wird, sind weitgehend entfallen. Wissenschaft und Studium sind damit in hohem Maße von einer kritisch-diskursiven Auseinandersetzung unterschiedlicher Zugänge und Perspektiven zu einem Auswendig-Lernen von vermeintlichen Wahrheiten geworden. Zu meinen Studienzeiten hätte man sowas eher den Sekten als der Wissenschaft zugeordnet.
Natürlich gibt es auch heute in den auf Verwertungs-Effizienz getrimmten Massenuniversitäten immer wieder einige Wenige, die kritischer, komplexer und umfassender denken. Das gilt sowohl für Lehrende und Forschende als auch für Studierende. Aber deren Anzahl scheint mir in den letzten Jahrzehnten abgenommen zu haben. Für unser komplexes, multiperspektivisch ausgerichtetes Menschenbild der HPT ist auch von daher wenig Unterstützung zu erwarten.
Dieses betrübliche Bild wird nur dadurch ein wenig abgemildert, das in den fachlichen Diskursen heute nicht mehr ausgeblendet werden kann, dass die sog. kontextuellen Faktoren den höchsten Beitrag zur Wirksamkeit von Psychotherapie leisten. Die reale Beziehung zwischen Therapeut*in und Patient*in, das Arbeitsbündnis, die Empathie von Therapeuten, die Güte der Zusammenarbeit mit Möglichkeiten, gegenseitige Beziehungsprobleme zu klären, haben sich „technischen“ Aspekten der Therapieverfahren als weit überlegen erwiesen. Und diese kontextuellen Faktoren gehören zu den Essentials der HPT mit ihrem Konzept der „Arbeit an der Beziehung“. Forschende fordern zunehmend, dass diese Aspekte erfolgreichen Vorgehens in der Therapie einbezogen werden. Allerdings wird auf institutionell-verwaltungsbürokratischer Ebene weiter das Leitbild einer praxis- und forschungs- und wissenschaftsfernen, verfahrensreinen Psychotherapie propagiert – und niemand mit Gremienmacht traut sich offenbar, diesem Unfug entgegenzutreten.

NL: Aus Deinen Äußerungen spricht ein wenig Hoffnung, aber doch mehr Skepsis. Das lässt uns überleiten zur Frage, welche Hoch- und Tiefpunkte es für Dich gab, insbesondere in Deiner Zeit im Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP)?

J.K.: Als ich 2004 in den WBP kam, war den Mitgliedern bekannt, dass ich zuvor einige Jahrzehnte Professuren in Statistik, Forschungsmethoden und Wissenschaftstheorie innehatte und als Experte international anerkannt war. Von daher habe ich keinen Moment erlebt, wo jemand an meiner methodischen Kompetenz gezweifelt oder ich mich gar angefeindet gefühlt hätte. Das Klima war professionell-freundlich und in Bezug auf die Abarbeitung recht umfangreicher Tagesordnungspunkte zielorientiert. Es gab also in den Sitzungen keine großen Auseinandersetzungen. Wenn ich allerdings grundsätzliche methodische Fragen oder Bedenken einbrachte, wurde dies immer mit dem Argument abgeblockt, dass für solche „methodologischen Grundsatzfragen“ angesichts der aktuellen Tagesordnung kein Raum wäre.
Die Humanistische Psychotherapie war in Form der „Gesprächspsychotherapie“ vom WBP ja Jahre zuvor anerkannt worden. Anträge anderer HPT-Ansätze lagen aktuell nicht vor und auch die psychodynamischen und behavioralen Ansätze waren formell ja nur mit wenigen sogenannten „Methoden“ vertreten. Zentrales Arbeitsthema war zum einen der Antrag der Systemiker auf wissenschaftliche Anerkennung. Das war durch das Prozedere der Begutachtung eine überaus umfangreiche Arbeit, Vieles in diesem Begutachtungsprozedere war überaus kontrovers. Vereinfacht zusammengefasst: Es gab starke Kräfte, die ein weiteres Verfahren – vor allem eines, das eine deutlich andere Sicht auf Krankheit und Therapie als die „Richtlinienverfahren“ vertrat – mit allen Mitteln verhindern wollten. Ich bin somit überaus froh, dass es gelungen ist, letztlich 2008 eine positive Entscheidung herbeizuführen.
Zweites großes Arbeitsthema war die Entwicklung eines sogenannten „Methodenpapiers“, in dem der WBP sein Vorgehen bei der Begutachtung neuer Verfahren und Methoden bis ins Detail operationalisiert festgeschrieben hat. Die Arbeit daran war noch kontroverser als die „Anerkennung“ der Systemischen Therapie. Besonders weil 2007 ein erster Entwurf des Methodenpapiers, zu dem öffentlich um Stellungnahme gebeten wurde, von sehr vielen Institutionen, Verbänden, Wissenschaftlern und Praktikern ganz erheblich kritisiert wurde. Diese Kritik und die damit verbundenen Vorschläge aufzunehmen, hätten vermutlich sowohl für die Wissenschaftler als auch für die Praktiker viele interessante Anregungen erbracht.
Allerdings kam es nicht zu solchen Diskursen. Sondern es wurden die Entscheidungsprozesse darüber gesteuert, dass Vorlagen gemäß Tagesordnung abgearbeitet wurden. Oft fand ich auch in Sitzungsprotokollen Beschreibungen wieder, die ich mir explizit anders notiert hatte. Da Protokolle aber sehr oft erst wenige Tage vor der nächsten Sitzung verschickt wurden, und viele angesichts der üblichen Arbeitsüberlastung diese kaum gelesen hatten, wurde so etwas fast nie problematisiert
So wurde die Pluralität von methodischen Herangehensweisen nicht konstruktiv für Diskurse genutzt, in denen die unterschiedlichen Positionen in der Wissenschaft und die Pluralität menschlicher Lebenswelten deutlich werden – wie es in vielen akademischen Disziplinen international üblich ist. Stattdessen ging es oft darum, von einer Mehrheitsmeinung „abweichende“ Auffassungen möglichst schnell ab- und damit überstimmen zu lassen
Neben dem „Hoch“ der positiven Verabschiedung der Systemischen Therapie stand daher für mich das „Tief“ der Verabschiedung eines Methodenpapiers, das aus meiner Sicht trotz einiger Stärken Weichen in eine Richtung gestellt hat, die nicht nur für die Humanistische Psychotherapie schädlich ist, sondern ein irreführendes Bild von Forschung und Wissenschaft zeichnet. Ein großes Spektrum an Forschungsfragen zu den Prozessen der Psychotherapie wird ebenso wie das große Spektrum an methodischen Zugängen der Erforschung für die Beurteilung des WBP zur „Wissenschaftlichen Anerkennung“ als irrelevant erklärt, Selbst die Evidenzstufen einer „evidenzbasieren“ Beurteilung werden nicht berücksichtigt. Was letztlich laut WBP zählt, ist ein extrem reduziertes Vorgehen nach dem experimentellen Design, in dem die rund 5% an spezifischer Wirkung von Psychotherapie unter Laborbedingungen überprüft wird. Viele Studierende und junge Forscher sehen das nicht als Mangel und Verarmung, sondern glauben, so müsse man forschen um „wissenschaftlich“ zu sein.
Für meine eigene Psychohygiene habe ich meine Mitwirkung im WBP 2008 nicht auf eine weitere Periode ausgedehnt. Ich sah keine Chance, im WBP grundsätzliche wissenschaftliche Fragen sachgerecht erörtern zu können. Zudem war die Systemische Therapie anerkannt, ebenso, bereits seit 2002, die Gesprächspsychotherapie. Für diese wurde zudem nicht nur die „wissenschaftliche Anerkennung“ wiederholt betont, sondern darüber hinaus 2006 in einer Stellungnahme der Bundes- Psychotherapeuten Kammer (BPtK) festgestellt: „Somit erfüllt die Gesprächspsychotherapie alle Voraussetzungen gemäß Psychotherapie-Richtlinien, um als neues Psychotherapieverfahren zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen zu werden“. Ein Resümee, dass noch 2010 von den fünf Professoren der Expertenkommission der BPtK wörtlich in einer Publikation wiederholt wurde.
Dass dann wenige Jahre später der WBP eine solche Gruppendynamik entfalten würde, dass er entgegen seiner eigenen Regeln für die Gesprächspsychotherapie nicht nur die sozialrechtliche sondern auch die wissenschaftliche Anerkennung bestritt – und das trotz rund einem Dutzend weiterer anerkannter Studien – hätte ich mir nicht in den übelsten Albträumen vorstellen können.

NL: Diese Entscheidung hat ja viele Kolleg*innen außerhalb des WBP regelrecht entsetzt. Haben diese Erfahrungen Dich in anderer Hinsicht beeinflusst?

J.K.: Trotz meiner vielen methodischen Werke war ich eigentlich immer mehr an Inhalten interessiert. Mit den eben skizzierten üblen Erfahrungen wollte ich mich daher aus diesen pseudowissenschaftlichen Grabenkämpfen zurückziehen und primär an meiner „Personzentrierten Systemtheorie“ arbeiten. Aber hie und da meinte ich, Bitten nicht abschlagen zu können, mich zu dem einen oder anderen Aspekt der Fehlbewertung in einem Artikel zu äußern.
Es schien mir auch wichtig, mit dem Kollegen Michael Buchholz aus der Psychoanalyse in einem „Weckruf“ nochmals deutlich zu machen, welche Fehlentwicklung wir uns in der deutschen Psychotherapie durch die destruktiven Ausgrenzungskämpfe leisten, wo doch im Interesse der Patienten konstruktive Kooperation der unterschiedlichen Perspektiven gefragt wäre. Natürlich führte dieser „Weckruf“ nicht zu einer tiefgreifenden Veränderung. Dadurch, dass sich aber immerhin 158 Professorinnen und Professoren in Deutschland – trotz massiver Diskreditierungskampagnen – diesem Weckruf angeschlossen haben, ist m.E. eine wichtige Dokumentation entstanden. Diese zeigt, dass es keineswegs nur ein paar Außenseiter sind, die die Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie mit ihrer starken Reduktion internationaler wissenschaftlich fundierter Vielfalt bedrückend finden.
Ich habe mich besonders gefreut, dass viele renommierte Professor*innen aus der Psychoanalyse den Weckruf unterzeichnet haben – zudem auch aus der Systemischen Therapie und der Verhaltenstherapie. Und ich gebe zu, enttäuscht zu sein, dass gerade von den Kollegen im Wissenschaftlichen Beirat der GwG nur die Hälfte das Anliegen unterstützt hat – aus welchen Gründen auch immer.

NL: Blicken wir auf die Gegenwart: Wie schätzt Du die Situation der HPT heute ein, national und international?

J.K.: Wir leben geopolitisch in einer Zeit der Disruption. Wertebasierte Regelsysteme und Verlässlichkeit gelten nichts mehr, ganz zu schweigen von so alten Tugenden wie Anstand etc. Im Januar 2026 hat auf der Weltwirtschafts-Konferenz in Davos Kanadas Premier Mark Carney eine flammende Rede gehalten. Er kritisierte – in den Worten von Václav Havel – das „Lügenleben“, das viele Menschen führen: Sie nehmen an Ritualen teil, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Damit unterstützen sie eine Gesamtlage, in der Macht nicht auf Wahrheit beruht sondern auf deren Verleugnung. Viele Kommentatoren meinten, dass endlich laut ausgesprochen wurde, was viele westliche Staats- und Regierungschefs seit Monaten hinter verschlossenen Türen anerkennen: dass sich nämlich längst die Großmächte über alle Regeln hinwegsetzen und viele Länder dazu tendieren, sich anzupassen, um dazuzugehören. Carney plädierte für einen „wertebasierten Realismus“, indem wir anerkennen, dass Interessen divergieren und nicht jeder Partner unsere Werte teilt. Wir müssten uns aktiv der Welt stellen, wie sie ist – statt auf die Welt zu warten, die wir uns wünschen.
Diese Rede hat mich nicht nur wegen der geopolitischen Bezüge stark bewegt. Vielmehr habe ich an vielen Stellen Parallelen zur Situation der Psychotherapie in Deutschland gesehen. Leider habe ich viel zu lange an so etwas wie die „Selbstheilungskräfte“ der Wissenschaft geglaubt, d.h. dass Entwicklungen aufgrund von wissenschaftlichen Diskursen über unterschiedliche Perspektiven und Ansätze vorangetrieben werden – forschungsbasiert und aufgrund von redlich vertretenen Argumenten. Ich war zwar nie so naiv anzunehmen, dass das alles interessenfrei abläuft, aber ich habe an ein starkes Gewicht der Argumente und der Möglichkeit gemeinsamer Interessen geglaubt – beispielsweise über die Verfahren hinweg das gemeinsame Interesse, multiperspektivisch die Wirksamkeit therapeutischen Handelns für die Patienten zu klären.
Dass dies allzu optimistisch war, hätte ich schon vor 30 Jahren erkennen können, als ich zufällig vorne in einem Taxi hören musste, wie die beiden Kollegen hinter mir – hochrangige Funktionäre in der Psychotherapie-Entwicklung – ihre Unterhaltung mit der Frage eröffneten „Was können wir tun, damit die Gesprächspsychotherapeuten nicht ins Kassensystem kommen?“. Ähnliches habe ich leider auch an anderer Stelle erlebt. Oft ging es nicht primär um die Klärung inhaltlicher Fragen, sondern darum, wie man bestimmte Leute in ihrem argumentativen Einfluss taktisch kaltstellen könnte und mit welchen Machtstrukturen man auf Entscheidung Einfluss nehmen kann.
Ich selbst war da viel zu lange und viel zu sehr inhaltlich und wissenschaftlich interessiert und habe rein strategischen Aspekten zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Rückblickend würde ich sagen, dass die Transformation einer offenen, pluralen Psychotherapie von vor 1999 hin zu einem reibungslosen Teil des biomedizinisch-pharmakologisch ausgerichteten Gesundheitssystem eine strategische Meisterleistung war. Die dabei erfolgte Stutzung wissenschaftlicher und therapeutischer Vielfalt zur Einpassung in ein überkommenes Richtlinienkorsett stellt allerdings eine erhebliche Verarmung dar.
Ein „wertebasierter Realismus“ bedeutet für die HPT in Deutschland heute, nicht mehr zu erwarten, dass die Profiteure der in den letzten 25 Jahren entstandenen Strukturen in Zukunft etwas unterstützen, was rund 40% ihrer Einnahmen und Privilegien – beispielsweise an Lehr- und Forschungsstellen – gefährden könnte. Auch wenn anfangs die überwiegende Mehrheit der Therapeuten nicht darauf aus war, die HPT auszugrenzen, hat „man“ sich inzwischen mit den Verhältnissen arrangiert und genießt dessen Vorteile. Viele wissen insgeheim um die Kluft zwischen der Rhetorik über evidenzbasierte Psychotherapie und der Realität. Viele wissen, dass die Forschung längst die Wirksamkeit der Vorgehensweisen der HPT belegt hat. Viele wissen, dass die HPT nicht aufgrund wissenschaftlicher Kriterien oder nachgewiesener geringerer Wirksamkeit in Deutschland ausgeschlossen ist. Viele wissen, dass die Bedeutsamkeit des experimentellen Ansatzes für Therapie unter Praxisbedingungen mindestens zweifelhaft ist und vielen anderen Forschungsergebnissen widerspricht. Aber viele haben sich – im Sinne Havels – an ein „Lügenleben“ gewöhnt: in dem man so tut, als sei die Rhetorik und nicht die Realität wahr, „sich anzupassen, um dazuzugehören. Sich zu fügen. Ärger zu vermeiden“, wie Mark Carney es formulierte.
Wir sollten das immer wieder sagen. Aber wir sollten das nicht mit großem Zeitaufwand bejammern. In Careney’s Worten: „Die alte Ordnung kommt nicht zurück. Wir sollten sie nicht betrauern. Nostalgie ist keine Strategie.“

NL: Damit hast Du die Tür geöffnet für einen Blick in die Zukunft.

J.K.: Ja, stimmt. Auch wir müssen meines Erachtens stärker zu einem „wertebasierten Realismus“ übergehen. Dazu möchte ich unterscheiden zwischen den verschiedenen Feldern der Arbeit mit Menschen auf Basis der Humanistischen Psychologie: Psychotherapie im gesetzlich definierten Rahmen als Heilkunde einerseits, und Hilfestellung und Begleitung in Beratung, Coaching oder Schulung/Training und Pädagogik andererseits.
Außerhalb des engen administrativen Regelwerks im biomedizinisch-pharmakologischen Gesundheitssystem ist humanistisch-psychologische Unterstützung in Deutschland weit verbreitet. Dort werden die Essentials der HPT wertgeschätzt und in konstruktive Diskurse eingebracht. Es wird Zeit, dass wir Humanistische Psychotherapie stärker auch dort mit einbringen, wo Menschen Psychotherapie brauchen, aber in Deutschland durch administrative Definitionen daran gehindert werden, von den Ansätzen der HPT zu profitieren. In anderen Ländern, etwa in den USA, finden wir schon deshalb keine Ausgrenzung der HPT, weil dort im Rahmen von „Counseling“ psychotherapeutisches Handeln mit eingeschlossen ist. Es rentiert sich also ein Blick über die Hoheitsgrenzen Deutschlands und ihrer Gesundheitsinstitutionen.
Was die Psychotherapie in einem engeren Sinn betrifft, möchte ich auf mein Psychotherapiebuch von 1983 verweisen. Bereits vor über 40 Jahren habe ich die Ansicht vertreten, dass die vier Grundorientierungen viel voneinander lernen können. Auch heute trete ich dafür ein, ein Modell von Psychotherapie zu entwickeln, das verstehbar macht, wie und wieso die erfolgreichen Vorgehensweisen unterschiedlicher Ansätze hilfreich sind. Man könnte sagen: ein integratives Modell. Ich selbst würde allerdings eher sagen, ein Modell, das möglichst wenig ausblendet. Denn in dem komplexen bio-psycho-sozialen Geschehen, von dem ich sprach, ist ohnedies alles latent vorhanden und prinzipiell wirksam.
Und damit kommt eine zweite Perspektive zum Tragen: Auch – und vielleicht gerade – ein umfassendes, einheitliches Modell von Psychotherapie impliziert noch nicht, wie ich in einer konkreten Situation handeln soll. Denn dafür sind alle die vorhin benannten Aspekte in ihren gegenseitigen Vernetzungen relevant: Biographie und Lerngeschichte, leidvolle Muster im Verhältnis zur Welt, zu anderen und zu sich selbst, die eigenen und umweltbedingten Ressourcen, der bisherige Leidens- und Therapieprozess, die aktuelle Situation und, und, und. Kurz: etwas, das niemand übersehen und durchschauen kann, Und selbst wenn er es könnte, müsste er sich entscheiden, was genau aus dem Spektrum an Möglichkeit in dieser konkreten Situation er nun wirklich ergreifen und praktisch entfalten möchte.
Und hier kommen nun auch die biographischen und lerngeschichtlichen aber auch kulturell formierten Vorlieben, Kompetenzen, Fokussierungen der Therapierenden mit zum Tragen. Dieses Set kann man – grob gesagt – als das Welt- und Menschenbild bezeichnen, zu dessen Zustandekommen natürlich auch schulspezifischen Formierungen und bisherige Erfahrungen beigetragen haben.
Ich plädiere also für die theoretisch-konzeptionelle Arbeit an einer ganzheitlichen Theorie und gleichzeitig an einer differenzierten Praxis, die von recht vielen Vorgehensweisen jenseits von Schulgrenzen weiß, für die es aber doch so etwas wie eine stimmige Heimat mit einem eigenen, reflektierten Welt- und Menschenbild gibt. Dabei finde ich als Label die Verweise auf Traditionen wie „psychodynamisch“, „behavioral“, „humanistisch“ und „systemisch“ zur Groborientierung nicht schlecht, denn damit werden doch recht unterschiedliche Zugänge zur Welt markant gekennzeichnet. In dieser theoretisch-konzeptionellen Einheit und praktisch-situationsgerechten Vielfalt sehe ich persönlich die Zukunft einer Psychotherapie, die an den leidenden Menschen orientiert ist.

NL: Lieber Jürgen, wir danken sehr herzlich für dieses Gespräch mit seinen aufschlussreichen Reminiszenzen und – ja, geradezu visionären – Perspektiven für die Zukunft.

Jürgen Kriz ist einer der profiliertesten Vertreter der Humanistischen Psychotherapie im deutschsprachigen Raum. Als Psychologe, Psychotherapeut, Autor und langjähriger Hochschullehrer hat er die humanistische Psychotherapie sowohl theoretisch als auch gesundheitspolitisch maßgeblich geprägt. Besonders bekannt ist er für seinen personzentrierten und prozessualen Blick auf Psychotherapie sowie für seine Arbeiten zur Integrativen Psychotherapie und zur dialogischen Haltung in Beratung und Therapie.
Mit großem Engagement setzt sich Jürgen Kriz seit vielen Jahre für die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) ein. Als langjähriges Mitglied des Beirats der AGHPT gehört er zu den zentralen Stimmen, die den Zusammenschluss der humanistischen Verfahren fachlich, konzeptionell und politisch unterstützt haben, und hat die Positionierung der Humanistischen Psychotherapie im wissenschaftlichen und berufspolitischen Diskurs entscheidend mitgeprägt.